Frauenfußball-Preis

Europameisterinnen 1989

Die Europameisterinnen von 1989 sind nicht nur seit dreißig Jahren die ersten und einzigen mit einem Kaffee-Service als Prämie sondern auch die ersten internationalen Titelträgerinnen im deutschen Frauenfußball.

Marion Isbert wird diesen Tag vermutlich nie vergessen. An diesem Tag wurde die Torhüterin in Siegen zur Heldin des Spiels. Vier Tore gingen an diesem Tag auf ihr Konto. Genauer gesagt drei Tore, die nicht gefallen sind und eines, das sie als Keeperin erzielt hat. Denn als es nach der regulären Spielzeit im Halbfinale gegen Italien 1:1 stand, musste die Entscheidung im Elfmeterschießen her. Und das wurde zum großen Moment der mittelrheinischen Torfrau. Gleich drei Elfmeter der Italienerinnen parierte sie um dann selbst den entscheidenden Elfer zum 4:3-Endstand zu verwandeln. Das Stadion tobte, das Team tobte, nur Marion Isbert, die gelernte rechte Verteidigerin, lief nach ihrem Elfer locker aus. 

 

Das war noch nicht der Titel und doch ein wichtiger Schritt zum Gewinn der europäischen Krone. In Osnabrück fegte das Team um Spielführerin Silvia Neid vier Tage später die sonst so starken Norwegerinnen mit 4:1 vom Platz. Zwei Mal Lohn, ein Mal Mohr und einmal Fehrmann besiegelten den großen Triumph der deutschen Frauen. Bis dahin unvorstellbare 22.000 ZuschauerInnen sahen das Finale im Stadion an der Bremer Brücke. Was dann folgte war selbst für erfahrene Spielerinnen wie Petra Landers völlig neu. Die Abwehrspielerin, die mit der SSG bergisch-Gladbach 1981 schon die inoffizielle Frauen-Weltmeisterschaft in Taiwan gewonnen hatte, sah sich so wie das gesamte Team einer neuen medialen Öffentlichkeit gegenüber.

Zeitungen, Radio und TV berichteten über den Erfolg und selbst der männerdominierte Kicker widmete dem Titel einen Beitrag. Martina Voss und Marion Isbert fanden sich noch in der gleichen Woche auf dem Sessel bei Günter Jauchs „Na Siehste“ wieder – zur besten abendlichen Sendezeit. Und UPS hatte in der Zeit danach einen ganz besonderen Lieferauftrag. Es galt, ein Kaffeeservice als Dank für den Titelgewinn zu transportieren. Absender: DFB. Empfängerinnen: die ersten Europameisterinnen in der Geschichte des DFB. Das, so hat Silvia Neid einmal in einem Interview trocken bemerkt, stehe immerhin noch in ihrem Schrank, Geld als Siegprämie hätte sie ja schon längst ausgegeben. 

 

Weit über diesen Erfolg hinaus prägte und prägt diese Generation den Mädchen- und Frauenfußball in Deutschland. Mit Silvia Neid und Martina Voss-Tecklenburg standen gleich zwei zukünftige Nationaltrainerinnen auf dem Rasen. Doris Fitschen nahm nach ihrer aktiven Karriere an der Seite von Silvia Neid die Geschicke der DFB-Frauen als Managerin in die Hand. Und am Spielfeldrand saß 1989 mit Tina Theune als Trainerassistentin die dritte der erfolgreichen Frauen im Bunde. Sie sollte Gero Bisanz als Cheftrainerin einige Jahre später folgen und fortan den weiblichen Fußball in Deutschland nachhaltig prägen. Die EM-Titel purzelten unter ihrer Ägide schneller als Villeroy & Boch das Porzellan hätte bemalen können.

 

Aber auch viele andere Heldinnen vom Bremer Tor blieben ihrem Sport treu. Sissy Raith, ihreszeichens Abwehrspielerin, trainierte nicht nur lange die Frauen des FC Bayern München sondern auch die Herren des TSV Eiching, die sie von der Bezirksoberliga in die Landesliga führte. Frauke Kulhmann und die viel zu jung verstorbene Jutta Nardenbach waren in Sportfachgeschäften tätig, Roswitha Bindl führte die B-Juniorinnen der Bayern mehrfach zur süddeutschen und auch zur deutschen Meisterschaft. Petra Damm kümmert sich um die Geschicke der Bundesligareserve des VfL Wolfsburg als Trainerin.

Die mit 83 Toren in 104 Länderspielen höchst effiziente Heidi Mohr wurde 1999 zu Europas Fußballerin des Jahrhunderts gekürt. Ihre Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Fußballs erlebte die Weinheimerin allerdings nicht mehr, sie verstarb 30 Jahre nach ihrem ersten internationalen Titel. „Wer die Mohr hat, hat die Tor“, titelte seinerzeit die taz und beschrieb damit prägnant die sportliche Brillanz von Heidi Mohr.

 

Aber nicht nur diese sportlichen Erfolge als Team und die individuelle Verbundenheit mit dem Mädchen- und Frauenfußball machen diese ersten Europameisterinnen zu einem magischen Moment. Es ist auch die Unermüdlichkeit dieser ersten Siegerinnen, ihren Sport auch gegen öffentliche Lächerlichkeit und Anfeindungen, chronischer Unterfinanzierung sowie den gleichzeitigen Strapazen von Beruf und Leistungssport voranzutreiben. Die Europameisterinnen von 1989 haben vor 22.000 ZuschauerInnen und danach für hunderttausende Mädchen ein Zeichen gesetzt. Ein Zeichen, dass für die Gleichberechtigung ihres Sports, den Respekt auf Augenhöhe und gleichzeitig auch die einfache Selbstverständlichkeit steht, dass jedes Mädchen und jede Frau die Möglichkeit haben muss, ihren Sport ausüben zu können. Ohne Einschränkungen und mit der gebotenen Anerkennung.

Mit der Verleihung des Frauenfußball-Preises „Lotte 2019“ an die Europameisterinnen von 1989 würdigt die Jury diese sportliche und gesellschaftliche Leistung. Die Leistung des Teams steht stellvertretend für ihre gesamte spielende Frauengeneration, die maßgeblich an der stetig steigenden Selbstverständlichkeit von Frauenfußball mitgewirkt und dadurch den nachfolgenden Generation den Weg zur Ausübung ihres Sports geebnet hat. Dreißig Jahre nach diesem Titelgewinn blickt die Jury des Lotte-Preises stolz zu dieser Generation Spielerinnen hinauf.

 

Übrigens mit dem gleichen Stolz wie der Youtube-User Dennis Isbert. Er hat das Video des Auftritts von Martina Voss und Marion Isbert bei Günter Jauch mit einem Satz kommentiert, der mehr aussagt als jede wohlfeile Laudatio: „Das ist meine Tante. Das ist saugeil.“